Bars sind Kulturorte!

01. Juni 2021

Was ist eine Bar, eine Kneipe? In der Denkweise der Politik handelt es sich um einen Gastronomiebetrieb, ein Unternehmen – und gehört deshalb in die Obhut der Wirtschaftsbehörde. Anders als der Großteil der Wirtschaft sind Bars und Kneipen im Shutdown jedoch wie Kulturorte behandelt worden und vollständig geschlossen worden. Nun hat kein:e Barbetreiber:in, die ihre sieben Sinne beisammen hatte, gefordert, dagegen aufbegehrt. Es ist offensichtlich, dass sie – wie Clubs und Raves – die maximale Antithese zu einer Pandemie sind. Es geht um Nähe, um Liebe, um Lachen, um Ekstase. Ein jedes Virus verbreitet sich da binnen Minuten im Gedränge. Aber genau das macht sie eben auch zu Kulturorten. Doch während andere Kulturorte von der Kulturbehörde tatsächlich unterstützt werden, fristen Bars und Kneipen ein Nischendasein als Untersegment der Gastronomie, für die Wirtschaftsbehörde keinen weiteren Gedanken wert. Geschweige denn einen Cent.

Es mag sein, dass die Bar- und Kneipengastronomie gemessen an absoluten Umsätzen nicht zu den potentesten Branchen der Wirtschaft gehört. Im ausufernden Städtetourismus der 2010er Jahre, in dem die Städte langsam, aber sicher ihre Substanz aufzehren, ist sie für die Politik ein Blickfang, aber kein Schwergewicht. In ihrer Kleinteiligkeit wird sie in austauschbaren Einheiten gedacht. Dieses Denken hat vor einiger Zeit Lars Feld, Ökonomie-Professor und einer der fünf deutschen „Wirtschaftsweisen“, im Handelsblatt ganz unverblümt auf den Punkt gebracht: „Gerade im Gastro-Bereich funktioniert die kreative Zerstörung am ehesten: Eine Kneipe ist doch schnell neu eröffnet, wenn es wieder geht.“

Nun kann man von Ökonomen vielleicht nicht mehr erwarten, als dass sie neoliberale Platitüden im Gefolge von Joseph Schumpeter von sich geben. Von der Politik würde man sich zumindest wünschen, dass sie noch zwei Meter weiter blicken kann. Doch die neoliberale Konditionierung ist zu weit fortgeschritten.

In einer Gesellschaft, in der seit Jahrzehnten wirklich alles und jedes als Profitcenter gedacht, in der jede soziale Handlung nach und nach kommodifiziert wird, ist eine Bar, eine Kneipe eine simple Dienstleistung. Austauschbar. Der Markt wird es richten.

Jede:r Barbetreiber:in weiß es besser. Bars und Kneipen sind viel mehr als Abgabestellen für eine in Flüssigkeiten verabreichte Dienstleistung, die nüchtern mit doppelter Buchführung geplant wird. Sie sind Orte, in denen Menschen zusammenkommen, ein sozialer Mikrokosmos aus Leidenschaften, aus Begehren, aus Wahlverwandtschaften. John Moehringer hat dies in seinem wunderbaren Roman „Tender Bar“ beschrieben: „Stand man in der Mitte der Bar, konnte man sehen, wie Männer und Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten einander belehrten und beschimpften… Man hörte Barkeeper wie Philosophenkönige parlieren, während sie zwischendurch Wetten abschlossen und Pink Squirrels mixten.“ Ein solcher Mikrokosmos lässt sich nicht mit einem Business-Plan im Handumdrehen rekonstruieren.

Die Bar, die Kneipe ist schon früh ein Mikrokosmos der gesellschaftlichen Subversion gewesen. Bereits 1520 notiert Erasmus von Rotterdam über die ersten kommerziellen Gastschenken in Europa: „Alles setzte sich. Reich und Arm, Herr und Knecht, alles durcheinander, kein Standesunterschied, gewöhnlich acht an einem Tisch…“ Der ständischen Gesellschaft ist es höchst suspekt, wenn am Tisch, am Tresen Menschen sich als Menschen begegnen und dabei die gesellschaftliche Hierarchie einebnen, und sei es nur für einige Stunden.

Mit Beginn der Industrialisierung wandelt sich die Schenke zur Arbeiterkneipe. Dabei geht es gar nicht nur darum, die Zumutungen des frühen Fabrik-Kapitalismus mit Schnaps und Bier für einen Abend vergessen zu machen. Weil Versammlungen unter freiem Himmel verboten sind, bieten sich Kneipen als Ort des Austauschs, der politischen Arbeit an. „Ohne die Kneipe hätte sich das Proletariat gar nicht als eigenständiges Subjekt konstituieren können“, hieß es einmal treffend in der 2007 eingestellten Berliner Stadtzeitung Scheinschlag.

Die Kneipe ist dabei immer auch ein kollektives Wohnzimmer, erst recht in der Stadt, wo die Wohnungen zu beengt sind. Dort geht es nicht per se freundlich zu – nicht alle müssen sich in die Arme fallen, nur weil sie nebeneinander wohnen, Raufereien kommen vor. Aber die Kneipe gibt den Bewohner:innen ein Gefühl der Zugehörigkeit, das die Klassengesellschaft ihnen verwehrt. Die Kulturarbeiter:innen des 20. Jahrhunderts setzen diese Tradition fort. Das Bürgertum ist zwar – immer mit sicherem zeitlichen Abstand – auf all die Werke aus Kunst, Literatur, Musik stolz, die an eben diesen Orten entstanden sind. Aber die Orte sind ihm bis heute suspekt. Es erträgt die in heiterer Hemmungslosigkeit produktive Durchmischung nicht.

Die städtische Bar der 2000er und 2010er Jahre steht hier durchaus in der Tradition der Arbeiter- und Kulturarbeiterkneipe. In ihr Treffen sich die Informations- und Symbolarbeiter:innen der postfordistischen Gesellschaft. Der Tresen wird zum Katalysator, an dem Einfälle aufeinander treffen und sich zu Ideen verdichten, umso mehr, als Arbeit und Freizeit zunehmend entgrenzt sind.

Das neoliberale Mindset kann die Bedeutung von Bars als Kulturorte nicht begreifen, und es kennt auch das Konzept eines sozialen Raums nicht. Henri Lefebvre hat in „Die Produktion des Raumes“ darauf hingewiesen, dass Raum nicht einfach ein „Container, unabhängig von seinem Inhalt“ ist. Der soziale Raum, schreibt Lefebvre, „ist das Ergebnis einer Folge und einer Menge von Begebenheiten und kann nicht auf ein simples Objekt reduziert werden.“

So wie Bars und Kneipen nach innen ein gesellschaftlicher Mikrokosmos sind, prägen sie nach außen einen Platz, eine Straße, eine Kreuzung, zusammen mit anderen Gewerben. Sie alle erzeugen Bewegungen in diesem sozialen Raum, auf den ersten Blick unsichtbare Verbindungen, ein Gefüge aus menschlichen Beziehungen. Oder in Lefebvres Worten: „Die Form des sozialen Raums ist Begegnung, Versammlung, Gleichzeitigkeit.“

Auch in dieser Hinsicht sind Bars, Kneipen und andere Gewerbe nicht einfach folgenlos austauschbar. Verschwindet eine Inhaber-geführte Bar und wird durch eine solventere Systemgastronomie ersetzt, verändert sich das Publikum im sozialen Raum. Die Begegnung, die Versammlung ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Viele begreifen eine solche Veränderung erst nach einer geraumen Zeit, wenn sie unübersehbar geworden ist, und beklagen sie dann. Aber sie können sich die Veränderung, wenn diese noch bevorsteht, nicht vorstellen. Und flüchten sich in hilflose Phrasen, nichts habe eben Bestand, es sei „normal“, dass sich die Dinge verändern.

Steigende Gewerbemieten, aber eben auch Veränderungen im sozialen Gefüge haben seit langem einen enormen Druck auf Bars und Kneipen ausgeübt. In manchen Stadtteilen hat beides schon vor Jahren zu einem spürbaren Kneipensterben geführt. Pandemie-bedingte Insolvenzen könnten diese Entwicklung 2021 beschleunigen. Im Worst Case verliert die Stadt etliche in der Nachbarschaft verankerte Kulturorte.

In den äußeren Stadtteilen werden diese wahrscheinlich ersatzlos verschwinden, wie es in einem der ärmsten Stadtteile, in Dulsberg, bereits seit Jahren zu beobachten ist. In den inneren Stadtteilen werden sie in Teilen durch gastronomische Durchgangsorte für ein touristisches Publikum ersetzt, wie man sie in der Hamburger Hafencity findet. Dulsberg und Hafencity stehen exemplarisch für zwei Varianten einer Post-Pandemie-Stadt, in der etwas Wichtiges verloren gegangen ist: Leidenschaft, Nähe, Begehren, produktive Durchmischung jenseits gesellschaftlicher Hierarchien.

Die Corona-Pandemie ist eine letzte Chance, sich der neoliberalen Idiotien bewusst zu werden und sie abzuschütteln. Die Politik wird dies von selbst nicht tun. Es ist an der Gesellschaft zu sagen: bis hierher und nicht weiter.

Niels Boeing (Eine längere Version dieses Textes erschien in der Januar-Ausgabe des Magazins dérive)

Das Foto zeigt die Bar TGI Fridays in Manhattan 1966, eine der ersten Single-Bars in New York City, fotografiert von Sam Falk (1901 – 1991).