Hey Senat, lass uns über Wahlkampf reden…

23. August 2021

Seit der letzten Pressekonferenz, die ihren Namen kaum verdiente, da lediglich der Senatssprecher vorgeschickt wurde, um ein paar Krümel aus Eventualitäten und vagen Voraussagen ans gemeine Volk zu streuen, brummt es in der Barwelt Hamburgs gewaltig. Kaum ein:e gastronomische:r Betreiber:in wurde in der letzten Woche nicht auf die Frage angesprochen, ob sie oder er sich für das sogenannte „2G-Optionsmodell“ entscheiden würde, wenn es wie angekündigt in dieser Woche in Erscheinung treten sollte.

Die wenigen Informationen aus dem Rathaus der letzten Wochen kurz zusammengefasst: Barbetreiber:innen soll eine Wahl ermöglicht werden zwischen dem uns ja allseits bekannten 3G-Modell, das genesenen, geimpften und negativ getesteten Personen Zutritt in die Innenräume seines Betriebes gewährt, und dem ab dieser Woche neu einzuführenden 2G-Modell, welches nur noch Geimpften und Genesenen Zutritt erlaubt. Betriebe, die sich für die Option 2G entscheiden, sollen dafür von der Sperrstunde um 23 Uhr und möglicherweise noch weiteren Einschränkungen wie den Kapazitätsbeschränkungen und Abstandsregeln befreit werden. Chapeau. Eleganter hätte man sich aus der politischen Verantwortung nicht ziehen können.

Schon klar, so kurz vor der Wahl möchte man nicht gerne Entscheidungen treffen, die Wählerstimmen kosten könnten. Demnach war an eine Verkündung der 2G-Regel für Gastronomie und Veranstaltungen als allgemeine Richtlinie für Hamburg nicht zu denken, nachdem Bürgermeister Peter Tschentscher mit seinem Vorschlag schon in der Bund-Länder Konferenz nicht durchkam. Und nun der geniale Einfall des Senats: Lassen wir das doch die gastronomischen Betreiber:innen ausfechten. Lassen wir die doch abends an den Türen ihrer Arbeitsstätten ausdiskutieren, warum sie sich für welches Modell entschieden haben.

Betreiber:innen stehen dann mit ihren Entscheidungen voll im Fokus der Impfdiskussion, doch da gehören sie schlicht und ergreifend nicht hin. Sie können und werden, egal wie ihre „Wahl“ ausfällt, immer an einigen Stellen verlieren. Viele Menschen werden die betriebliche Entscheidung für oder gegen 2G mit einer persönlichen Stellungnahme der Bar verwechseln.

Dass sich kaum ein Betrieb diese höchst überflüssige Sperrstunde wirtschaftlich leisten kann, dass einige erst mit Fallen der Abstandsregeln und Kapazitätsbegrenzungen überhaupt wieder öffnen können, dürfte für einen Großteil der Impfskeptiker:innen irrelevant sein. Und dass es Betriebe gibt, in denen möglicherweise das Personal (noch) nicht durchgeimpft ist und sie daher weiterhin die Sperrstunde einhalten müssen und um 23 Uhr die Plätze räumen, wird für alle schwierig zu akzeptieren, die von baldiger Normalität in allen Betrieben ausgehen, die sie besuchen möchten. Die Nummer wird uns so oder so Gäste kosten. Und Nerven.

Uns wird eine „Option“ geboten, die in Wirklichkeit keine ist – diese Wahlfreiheit kann sich nach über 7 Monaten Lockdown nämlich niemand mehr leisten. Es war schon eine verdammt gute Idee, die Sperrstunde und Einschränkungen auch über die niedrigen Sommerinzidenzen aufrecht zu erhalten. Nun sind diese Drehpunkte die perfekte Angel, uns Barbetreiber:innen zu ködern. Und der Senat lässt sich für seine Feigheit, seine Impfkampagne durch Gastronom:innen, Veranstalter:innen und Kulturschaffende voranzutreiben, als Retter des Hamburger Nachtlebens feiern, weil er uns ach so großzügig das erste Mal seit 1,5 Jahren, eine „Wahl“ lässt.