NOvember

01. Dezember 2020

Der „Lockdown light“ geht in die Verlängerung. Wirklich daran geglaubt, nach vier Wochen wieder öffnen zu dürfen, hat von uns Barbetreiber*innen sowieso niemand. In den meisten Fällen wurde den Gästen in der letzten Oktoberschicht vorsichtshalber schon mal ein Frohes Fest und ein Guter Rutsch gewünscht. Außerdem wurden uns Zusagen gemacht: 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats sollten uns als Entschädigung zugehen, um die ausgefallenen Novembereinnahmen auszugleichen.

Diese Maßnahme soll nun aufgrund der Verlängerung für den Dezember andauern, und prompt ploppen kritische Stimmen auf, die behaupten, diese Zahlungen wären maßlos übertrieben, und die Gastronom*innen würden sich mithilfe staatlicher Zuwendung bereichern. So aktuell auf Spiegel online oder in der Welt am Sonntag nachzulesen, die die Zweifel des neoliberalen Instituts der deutschen Wirtschaft nachbeteten. Interessante Sichtweise? Nein, eigentlich nicht interessant. Eher eine Frechheit.

Dröseln wir das einmal auf.

1. Die Novemberhilfe war überhaupt erst ab dem 25. November zu beantragen. „Schnell und unbürokratisch“ sollte sie kommen. Davon kann wirklich nicht die Rede sein. Beantragt werden müssen die Gelder erneut über einen sogenannten „prüfenden Dritten“ – was in der Regel ein*e Steuerberater*in ist. Die langen an der Stelle gerne mal ordentlich hin, wohlwissend, dass die Gastronom*innen nicht um sie herumkommen, um ihre Anträge zu stellen. Da werden durchaus vierstellige(!) Summen fällig. Diese Kosten konnte man bei der Überbrückungshilfe zwar anteilig geltend machen – bei der Novemberhilfe hingegen nicht. Wozu das Prozedere nötig ist, da das Finanzamt ja sowieso alle Zahlen und Umsätze hat, auf deren Basis diese Hilfen vergeben werden, erschließt sich nicht so richtig.

2. Die Novemberhilfe wird nun hier und da kritisiert, weil die Gastronom*innen 75 Prozent des UMSATZES und nicht des GEWINNS erhalten. Leider völlig ungeeignt für eine Branche, die angesichts astronomischer Gewerbemieten, personalintensivem Geschäft und hoher Wareneinsätze mit so geringen Gewinnmargen arbeiten muss, dass für viele sogar die Bildung von Rücklagen unmöglich war. Und im März hat aufgrund der Schließung von einem auf den anderen Tag auch niemand danach gefragt, wie hoch unser Verlust an weggeworfenen Waren aufgrund des Lockdowns war, ob man uns das irgendwie ersetzen darf. Der Lockdown light hat uns zumindest ein paar Tage Vorlaufzeit gelassen, und wer schlau war, hat im Oktober sowieso nur noch von Tag zu Tag eingekauft, um den Verlust für den sich abzeichnenden Lockdown light so gering wie möglich zu halten. Aber auch hier hat es Verluste in Form von abgelaufenen Waren geben, die wir nirgends geltend machen können.

3. Von der Novemberhilfe ist bis heute, 1. Dezember, noch KEIN CENT auf einem Konto eingegangen. Das heißt: Die Barbetreiber*innen sind – wieder einmal – in Vorleistung gegangen, was Miete, Gehälter und sonstige Fixkosten anbelangt. Manch eine*r watet schon seit Monaten durch rote Zahlen. In Vorleistung zu gehen, ist alles andere als einfach, wenn man wochenlang dank Sperrstunde und Zwei-Haushalteregel nur noch den Bruchteil eines Bruchteils an Umsatz machen konnte. Von den Löchern, die das Frühjahr aufgerissen hat, und dem Geld, das in Hygienemaßnahmen investiert wurde, ganz zu schweigen. Die Überziehungszinsen werden ebenfalls nirgends geltend gemacht werden können.

4. Die Überbrückungshilfen waren gelinde gesagt nicht einmal der Tropfen auf dem heißen Stein. Das ist auch daran zu erkennen, dass der größte Teil der Novemberhilfe aus den Töpfen der nicht abgerufenen Überbrückungshilfen gezahlt wird. Von den vorgesehenen 25 Milliarden Euro für die Überbrückungshilfe I wurde nur etwas mehr als fünf Prozent ausgezahlt. Von der bis Ende des Jahres laufenden Überbrückungshilfe II wurde bislang noch viel weniger abgerufen. Damit ist die Novemberhilfe die erste wirkliche Hilfe, die die Gastronomie seit einem Dreivierteljahr erreicht.

Erstmalig könnte bei der Novemberhilfe überhaupt ansatzweise von einer Art Unternehmerlohn gesprochen werden. Denn die privaten Kosten der Betreiber*innen konnten bisher weder bei der Sofort- noch bei der Überbrückungshilfe geltend gemacht werden. Hier wurden wir auf Grundsicherung verwiesen. Natürlich sind wir für die bisherigen Hilfen dankbar, keine Frage. Man darf nur leider nicht davon ausgehen, dass diese es der Barbranche erlauben würden, sorgenfrei durch den Winter zu tanzen. Dazu ist in diesem Jahr einfach zu viel Schaden entstanden.

Und das nicht nur auf der monetären Seite. Der fade Beigeschmack, die eigene Branche seit Wochen nun wieder brachliegen zu sehen, weil wir das „Sonderopfer“ bringen müssen, damit die Wirtschaft weiterläuft, bleibt. Seit wann ist die Gastronomie eigentlich kein Teil der Wirtschaft?

Die Zahlen sind dramatisch, Kontaktbeschränkungen müssen sein, keine Frage. Bei Dreiviertel der Infektionen kann nicht mehr nachvollzogen werden, wo sie herkommen. Aber als Pandemietreiber galt keine der nun geschlossenen Branchen, weder die Gastronomie noch die Kulturbetriebe. Anstatt Hygienemaßnahmen in allen gesellschaftlichen Bereichen durchzusetzen, soll die Kontaktreduzierung nur im“Freizeitbereich“ stattfinden.

Ist ja schön zu hören, wenn das eigene Berufsfeld nicht als „Arbeit“ zählt, wenn die eigene Branche zum Luxusgut „Freizeit“ erklärt und wirtschaftlich nicht ernstgenommen wird. Und beim Anblick überfüllter HVV Busse und voller Einkaufszentren fragt man sich schon, ob zur Arbeit fahren und Einkaufen gehen politikerseits als der Sinn des gesellschaftlichen Lebens verstanden werden.

Dieser November ist ein NO-vember. Den Absturz der Bar- und Kneipengastronomie wird er nicht aufhalten, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.